Klimapolitik sollte motivieren und nicht frustrieren.

Ein Plädoyer für Klimaschutz ohne schlechtes Gewissen.

Die Sylter Rundschau hatte in einem Kommentar den Begriff: „Flugscham“ geprägt und damit auf das schlechte Klimagewissen von Reisenden hingewiesen. Das veranlasste Lothar Koch, den Vorstandssprecher der Sylter Grünen zu einer umfangreichen Stellungnahme, die in der SR veröffentlicht wurde:

Reisen verbindet und fördert die Toleranz. Besonders junge Leute sollen die Welt kennenlernen. Viele Bürger engagierten sich  in Deutschland (und kämpfen in anderen Staaten immer noch) für Reisefreiheit. Die Güter Reisefreiheit und Klimaschutz gegeneinander auszuspielen führt nur zu Frustration. Vielmehr sollten intelligente Lösungen gefunden werden, das Reisen, auch mit dem Flugzeug, umweltverträglicher zu gestalten.

Der Appell zum Verzicht, oft noch mit moralinsaurem Unterton vorgebracht, hat meines Wissens noch nie zu dauerhaften Erfolgen im Umweltschutz geführt. Beispiele für wirksame Veränderungen zu Gunsten des Umweltschutzes sind in den meisten Fällen durch den Gesetzgeber erfolgt, oder weil Produktumstellungen wirtschaftlich sinnvoll waren: Verbot von bleihaltigem Benzin, Verbot von Spraydosen mit FCKW, Verbot von DDT-Pflanzengift, Verbot vom Einsatz bestimmter Schwermetalle und Chlorkohlenwasserstoffen in Alltagsprodukten, Verzicht auf Beimischung von Phosphaten in Waschmitteln…die Liste kann bestimmt fortgesetzt werden. Für alle diese umweltschädigenden Elemente wurden dann sehr schnell harmlosere Ersatzstoffe gefunden. Der Bürger musste nicht verzichten und merkte die Umstellung oft gar nicht. 

Meistens gingen den gesetzlichen Vorschriften Kampagnen von Umweltschutzorganisationen voraus, die den nötigen Handlungsdruck erzeugten. Immer war die Betroffenheit über mögliche Umweltschäden ein wichtiger Motor (Waldsterben, Seehundsterben, Nordseeverschmutzungen, Ozonloch…) Seltener gingen diese auch mit Aufrufen zum Produktboykott  einher. 

Produktboykott ist aber nicht mit Verzicht zu verwechseln. Letzteres bedeutet in einer Opferrolle zu versacken, weil man sich etwas nicht gönnen darf. Boykott ist vielmehr eine aktive Entscheidung, die von der Energie getragen wird, etwas ändern zu wollen. Wenn VerbraucherInnen massenhaft ein umweltschädliches Produkt boykottieren und ihren Protest auch mit der poltischen Forderung nach technischer oder organisatorischer Veränderung kommunizieren, kann das enorme Wirkung haben. 

Wo stehen wir in dieser Hinsicht heute in der Klimadiskussion? Die Betroffenheit ist angesichts weltweiter Wetter-Katastrophen mittlerweile gegeben. Umweltverbände, Bewegungen wie Fridays for Future, Wissenschaftler und sogar politische Parteien und Staaten erzeugen immer mehr Argumentationsdruck für ein Handeln zum Erreichen der Klimaziele. Die Politik und die Industrie beginnen sich, unter dem Druck der Strasse und der Gerichte, ganz langsam in die richtige Richtung zu bewegen.

Dieser politische Druck darf nun nicht in das Herz des einzelnen Bürgers fehlgeleitet werden, indem ein schlechtes Gewissen erzeugt wird. Scham und Schuldgefühle führen zu Resignation und Lähmung, also zu nichts Gutem. Der Druck sollte den Politikern, Verwaltungen und Produzenten gelten. Die müssen jetzt an den erforderlichen „Schrauben drehen“, um den Einsatz klimafreundlicher Technologien (die oft bereits in den Schubladen liegen) zu befördern. 

Wir Bürger können das unterstützen, in dem wir klug einkaufen, überlegen was wirklich notwendig ist  und auf umweltfreundliche Alternativen bei Konsumartikel drängen- bis hin zu Produktboykott. Aber auch in dem, wir besonders bei Wahlen  signalisieren, mit notwendigen Veränderungen einverstanden zu sein. 

Beim Reisen ist das sicherlich besonders schwierig, da bestimmte Ziele sinnvoll nur mit dem Flieger erreichbar sind. Wir haben oft keine andere Wahl, als zu Hause bleiben zu müssen- und das verträgt sich nicht mit dem Freiheitsdenken einer modernen Demokratie. Natürlich kann man über CO2-Zahlung Ausgleich schaffen, aber letztendlich muss auch hier ein technologischer Wandel greifen. Bislang ist jedoch im Flugverkehr, anders als beim Auto, die technologische Diskussion um umweltverträglichere Kraftstoffe kaum thematisiert worden. Das muss sich ändern. Aber nicht in dem ein moralisches Reiseverbot untergeschoben wird, sondern Möglichkeiten  eines umwelttechnisch gut vertretbaren Reisens aufgezeigt und geschaffen werden. 

In allen Bereichen (Energie, Verkehr, Konsum, Industrie, Landwirtschaft) sollte gelten: Staatliche Subventionen nur dort, wo der Wille vorhanden ist ,umweltfreundliche Wege zu gehen. Auch für diese Fragen wird die Europawahl zur wichtigen Weichenstellung. Es gilt jetzt, jenen Akteuren in Brüssel den Rücken zu stärken, die eine umweltfreundliche Subventionspolitik der EU voranbringen wollen.

Lothar Koch

Vorstandssprecher 

Bündnis90/Die Grünen, Insel Sylt,